Mit Flugangst ins Paradies

Mit Flugangst ins Paradies

2012 war es so weit. Nachdem meine Familie bereits vor dem Krieg mit Sri Lanka, welches damals noch Ceylon hieß, und dessen Einwohner verbandelt war, war es nun an mir nach Kriegsende diesen Faden aufzugreifen. Und so kam es, dass nach meinem Großvater, meinem Onkel und meiner Mutter nun auch mich das Dschungelfieber packte. So entschloss ich mich dazu, eine Reise nach Sri Lanka zu unternehmen.

Sri Lanka statt Malediven…

Ich musste unerwartet eine größere Summe Geld aufbringen und hatte aus diesem Grund schließlich die Wahl entweder nur eine Woche auf den Malediven zu verbringe oder ich würde dieses Vorhaben komplett streichen und dafür vier Wochen auf Sri Lanka bleiben. Im ersten Moment war ich ein wenig enttäuscht, befand ich mich doch damals am Rande eines Burn-outs und erhoffte mir von den Malediven aufgrund der Abgeschiedenheit zum Nichts-Tun verdonnert zu sein. Sri Lanka, soviel wusste ich bereits, würde mir zu viele Möglichkeiten bieten und es wäre so gut wie ausgeschlossen, dass ich wirklich mal zwei, drei Tage einfach auf meinem Arsch sitzen bleiben würde. Allein aus diesem Bestreben ein wenig herunter zu kommen war ich im ersten Moment Enttäuscht, dass wichtige Renovierungsarbeiten mir einen Stich durch die Rechnung machten. Doch wie es seine Heiligkeit der Dalai Lama zu formulieren pflegt: „Das größte Glück erscheint uns zuweilen am Anfang wie das größte Unglück.“

Wie meine Familie nach Sri Lanka kam…

Mein Onkel arbeitete in den Sechzigern und Siebzigern für die BBC und bereiste deshalb lange Zeit die Insel. Rund sieben Jahre lang lebte er auf Sri Lanka, zu einer Zeit in der es noch so gut wie keine Touristen auf dem Eiland gab. Hauptsächlich machte er Naturaufnahmen, sowohl Fotos wie auch Film, und war deshalb manchmal wochenlang nur mit Einheimischen Begleitern fernab der Zivilisation im Busch oder Dschungel. Da mein Großvater ebenso wie er ein passionierter Fotograf war, lud mein Onkel ihn ein, ihn bei einer Reise zu begleiten. Mein Opa war schon immer abenteuerlustig und so ließ er sich die Gelegenheit für außergewöhnliche Geschichten und Fotos nicht entgehen. Geführt wurden sie dabei von den ältesten Söhnen ansässiger Familien und wie es die Strapazen und Unwägbarkeiten einer Expedition so an sich haben wurde aus dem „Master-Kaffa-Verhältnis“ ganz schnell eine Kameradschaft und tiefe Freundschaft, die unsere Familien bis heute verbindet.

So kam es also schließlich, dass auch ich einmal diese Insel kennenlernen wollte, die wie die Träne einer durch Sklaverei, Unterdrückung und Bürgerkrieg geschundenen Nation von der Wange Indiens herabfällt. So viele Geschichten hatte ich von meinem Opa und von meiner Mutter gehört, welche als junge Frau ebenfalls mit meinem Onkel auf Ceylon umher gezogen war.

Meine Flugangst…

Nun war es also an mir und ich konnte mich auch schnell für den Umstand begeistern, nun mehr Zeit im Dschungel und auf Safari verbringen zu können da der Abstecher auf die Malediven abgesagt wurde. Nur ein Problem blieb bestehen:

Du musst wissen, dass ich bis ca. 2014 unter panischer Flugangst gelitten habe. Zwar habe ich mich dadurch nie davon abhalten lassen einen Flug zu unternehmen und je nach Turbulenzen geht es mir auch heute noch nicht komplett super, doch bevor ich mich mit NLP- und Hypnose-Interventionen selbst behandelt habe, war meine Flugangst Bühnenreif.

Da ich aber außer einmal als Kind nach New York zuvor keine so langen Flüge unternommen hatte, konsultierte ich meinen Hausarzt und dieser gab mir eine kleine Tablette für den Notfall mit. Nun ist es ja durchaus Auslegungssache was man unter einem Notfall versteht und im Nachhinein betrachtet wäre es wohl besser gewesen, ich hätte dieses Wort nicht ganz so beliebig ausgelegt. Und so bestellte ich mir vor dem Besteigen der Maschine in Frankfurt einen doppelten Whiskey und spülte damit die kleine Pille herunter. Inzwischen kann ich bestätigen, dass Benzodiazipine, also Valium – und Alkohol eine fatale Mischung sind und so kann ich keine Garantie für die folgenden subjektiv empfundenen Erlebnisse des Flugs übernehmen. Irgendwie ist alles in einer trüben Wolke aus Valium und Johnny Walker zu einer deformierten Version der Realität verformt worden und nachdem ich in der Zwischenzeit diese Strecke etliche Male ohne Whiskey-Valium geflogen bin, weiß ich wohl, dass die Strecke Frankfurt-Dubai einen Tick länger dauert als ein viertel Stündchen. Doch damals schien mir dies eine realistische Schätzung der Flugzeit als wir in Dubai zur Zwischenlandung ansetzten.

Wie gesagt, ich war noch voll auf Stoff als wir das Flugzeug wechselten und so möchte ich für die Richtigkeit der folgenden Schilderungen keine Garantie übernehmen. Doch anstatt Flugangst spürte ich nur ein dämliches Grinsen in meinem ansonsten vollkommen entspannten Gesicht. Ein wenig fühlte es sich so an als würde mein Gesicht schmelzen und zu einem fröhlich-friedvollen Fluss aus Glückseligkeit werden, der meinen ganzen Körper durchströmte… Habe ich schon erwähnt, das Alkohol und Tranquilizer eine höllische Mischung sind?

Und plötzlich…

Der Vorteil aber war, dass ich beim Betreten der Maschine für die Strecke Dubai-Colombo vollkommen entspannt blieb und sogar ein wenig kicherte als ich drei Finger breit unter der Decke zu meinem Sitzplatz schwebte. Diese Etappe wurde nun nicht mehr von Emirates bedient, sondern von Sri Lankan Airlines. Das ist sicher nicht die schäbigste Fluglinie der Welt, aber dennoch das totale Kontrastprogramm zu Emirates.

So kam es, dass ich grade noch in einen der modernsten Flugzeuge der Welt gesessen hatte, da befand ich mich schon mir-nichts-dir-nichts im wahrscheinlich räudigsten noch verkehrstauglichen Flugzeug der Welt. Im hinteren Teil der Maschine liefen Ziegen umher und Hühner flatterten aufgeregt durch die Luft. Die Menage aus Schweiß, Kardamom und billigem Aftershave nahm ich ebenso wenig wahr wie die grölende, jubelnde und auf Ex trinkende Besatzung, da mich der Bombengürtel meines Sitznachbarn bei 20 Zentimeter Sitzabstand dann doch zu sehr in die Seite kniff. Immerhin war ich froh keinen Stehplatz zugewiesen bekommen zu haben und durch das Lagerfeuer welches zwei Reihen hinter mir zum Garen des Mittagessens entfacht worden war, war es trotz der fehlenden Fensterscheibe angenehm warm.

Den Flug überlebt und angekommen…

In Colombo angekommen ließ die Wirkung der Mischung in meinem Blutkreislauf noch kein wenig nach. Und so dauerte es eine ganze Weile bis ich die Stewardess wahrnahm, die mit meinem Portemonnaie in der Hand hinter mir her rannte. Ich musste es am Sitzplatz liegen gelassen haben. Oder hatte ich es ihr etwa als Trinkgeld in die Hand gedrückt? Auf jeden Fall hätte ich wohl auf keinem anderen Flughafen der Welt meine Geldbörse inklusive aller Karten, Ausweispapiere und jeder Menge Bargeld zurück bekommen, doch Sri Lanka schien gnädig selbst mit den ungewollt mächtig Berauschten.

Ich weiß nicht mehr, wie es mir gelungen ist, die Einreise-Karte auszufüllen und es muss einer Szene aus „Fear and Loathing in Las Vegas” gleich gekommen sein, als ich an den Tresen des Mitarbeiters der Immigration vortrat. Er grüßte mich mit „Ayubovan!“

Ich antwortete: „No, I‘m Stefan.“

Er schaute mich mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung an, gab mir dann aber schließlich doch den benötigten Stempel in meinen Pass. Von jetzt an war ich auch ganz offiziell auf Sri Lanka angekommen.

Die ersten Schritte im Paradies…

Meinen Koffer muss ich wohl irgendwie noch vom Gepäckband aufgesammelt haben und einen Tuk-Tuk-Fahrer auf Sri Lanka zu bekommen ist selbst auf Valium kein Problem. Der nette Mann am Steuer erinnerte mich an Ghanesha, den Gott des Glücks und des Wohlstandes. Ich kniff ihm liebevoll in die Backen, versuchte mit einem breiten Grinsen so wie einem leicht vernuschelten „Na Du!“ das Eis zu brechen und sank dann schließlich auf die Rückbank um meinen Rausch auszuschlafen. Der Fahrer fuhr mich vom Flughafen zu meinem Hotel in Colombo. Das wir dabei über Kandy und Galle fuhren bekam ich freilich nicht mehr mit, dazu schlief ich zu fest.

Als ich 24 Stunden später in meinem Hotel wieder ganz bei Sinnen war, traf ich den Entschluss meine Flugangst endlich anzugehen und nie wieder solch eine Pille zu nehmen. Kaum auszumalen, was mir in diesem Zustand wo anders geschehen wäre…! Gut, ich habe die längste und teuerste Fahrt vom Flughafen nach Colombo erlebt und das hierzulande beliebte Spiel „Betrunkene dekorieren“ scheint es auch auf Sri Lanka zu geben. Doch Geld ist ersetzbar, Augenbrauen wachsen nach und das Make-up in meinem Gesicht ließ sich problemlos abwaschen. Und meine Abenteuer auf Sri Lanka sollten grade erst begonnen haben.

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