Meine Beerdigung

Meine Beerdigung

Heute möchte ich Dir eine kleine aber feine, wenn auch nicht ganz sanfte Coaching-Übung vorstellen, die stets kontroverse und manchmal sogar hitzige Diskussionen auslöst. Es geht darum, meine Beerdigung zu planen. Ich habe sie eben erst wieder im Buch “Way Up” von Stephan Landsiedel, einem meiner Lehrer, vorstellen. Das erste Mal bin ich jedoch schon vor einigen Jahren in einem Seminar von Ralf Zunker damit in Berührung gekommen und auch ich war anfänglich etwas irritiert. Doch, und das kann ich Dir mit vollster Überzeugung versichern, es ist eine der effektivsten Coaching-Formate, die ich kenne.

Dieser Disclaimer sollte allerdings vorab noch erfolgen:

Diese Übung ist kein Kuschel-Coaching und sie ist sehr konfrontativ. Wer sein eigenes Wolkenkuckucksheim nicht verlassen möchte, sich in seinem aktuellen Leben so einigermaßen wohl fühlt und aus welchem Grund auch immer nichts am Status Quo ändern möchte, der sollte an dieser Stelle zu einem anderen Artikel wechseln! Zum Beispiel zu diesem hier, der ist recht lustig und recht beliebt…

Noch da? Na dann kann es ja los gehen!

Bei dieser Übung geht es darum, die eigene Grabinschrift und seine Grabrede zu verfassen.

Was?! Ist das makaber? Oder ist es eine negative Suggestion? – Beides ganz klar: Nein!

Am Tod ist nichts makaberes. Bereits die alten Stoiker meinten sinngemäß, das es absolut in Ordnung sei, im Hafen und in der Stadt spazieren zu gehen oder Besorgungen zu machen. Doch wenn das Schiff bereit zum auslaufen sei, dann sollte man ohne Umwege an Bord gehen können, ohne Reue, ohne unerledigte Aufgaben und ohne Abschiedsschmerz.

Eine unbequeme Wahrheit:

Wir alle werden sterben und gemessen an der Menschheitsgeschichte wird das auch schon sehr, sehr bald sein. Vielleicht in 50 Jahren, vielleicht in 20 oder womöglich auch schon morgen. So oder so, die Uhr tickt und für kein Geld der Welt können wir uns auch nur eine einzige Sekunde mehr erkaufen.

Doch diese Tatsache sollte Dir keine Angst machen. Weder ist der Tod das Ende, noch ist er etwas Schlimmes, was es zu fürchten gäbe. Zwar ist der Tod in der westlichen Gesellschaft häufig angstbesetzt, doch dabei handelt es sich um die Projektion einer anderen, tiefer sitzenden Angst. Hier darauf näher einzugehen würde den Rahmen sprengen und bei Interesse verweise ich hier auf das Buch „Grundformen der Angst“ von Fritz Riemann, ein absolutes Must-Read und ein Klassiker der tiefenpsychologischen Literatur!

Doch auch wenn wir so sicher sterben werden, wie ein Pups im Aufzug einsam macht, so blendet man in der westlichen Welt doch nur allzu gerne aus, dass diese Tatsache auch einen ganz persönlich betrifft. Der Tod – das ist etwas, was nur anderen passiert! Ich selbst habe ewig Zeit all die Dinge zu machen, die ich mir wünsche und die mein Leben wundervoll machen würden. Bis wir in Rente gehen, MÜSSEN wir nun einmal diesem Job nachgehen, den wir doch so sehr hassen. Wir MÜSSEN mit diesem Partner zusammen sein, der uns unglücklich macht und schlecht behandelt. Wir MÜSSEN die Erwartungen unserer Eltern, Nachbarn, Kollegen oder wem sonst auch immer erfüllen. Und die Dinge, die wir stattdessen viel lieber machen würden, die erledigen wir „später mal“. Wenn wir die Beförderung erreicht haben, wenn wir die erste Million verdient haben oder wenn wir dann irgendwann mal in Rente gehen sollten…

Doch was, wenn es dieses „Irgendwann“ nicht gibt? Wie viele Menschen sterben, bevor sie das Rentenalter erreicht haben? Wie frei glauben wir, dass uns die erste Million macht (das Gegenteil ist in Wahrheit der Fall und sie bringt mehr Stress, Bürde und Ängste, als man davor meint…)? Wie viele Kollegen warten noch darauf, auf diesen einen Posten nachzurücken, wenn der Stuhl über uns frei wird? Und macht es unter diesem Gesichtspunkt nicht viel mehr Sinn, die Dinge, die wir uns wünschen, schon heute anzugehen?

Noch einmal: Ich bin mir drüber bewusst, dass der Gedanke an den eigenen Tod und das Bewusstsein für die Vergänglichkeit unseres Lebens unangenehm sein kann. Doch wenn man die eigene Sterblichkeit erst einmal wirklich begriffen, akzeptiert und angenommen hat, dann hat dieser Gedanke auch etwas sehr befreiendes. Denn dann können wir JETZT damit beginnen unser Leben so zu leben, wie wir es uns wünschen. Oder um den Dalai Lama frei zu zitieren: Nicht das wir sterben ist traurig, sondern dass die meisten Menschen bis dahin niemals wirklich gelebt haben…

Fassen wir also kurz zusammen:

Wir werden auf JEDEN FALL sterben, und zwar Du ebenso wie ich. Dies sollte uns aber nicht mit Angst erfüllen, sondern uns mit Blick auf die tickende Uhr dazu motivieren, keine einzige Sekunde mehr zu verschwenden und GENAU JETZT damit zu beginnen, das Leben zu führen, welches wirklich und wahrhaftig UNS gehört und UNS glücklich macht.

Mit dieser Attitüde solltest Du an dieses Format ran gehen. Sollte Dir dies nicht gelingen, so gibt es sehr wahrscheinlich ein Problem auf einer ganz anderen Ebene. Zwar kann ich solch eine Aussage nicht pauschal und ohne Kenntnis des Einzelfalls treffen, doch nach Fritz Riemann würde ich vermuten, dass es sich um die Grundform der Angst vor der Selbstaufgabe handelt.

Wenn Du den Vibe aber spürst und dem Tod aufrecht, ohne Angst, aber auch ohne Sehnsucht nach ihm – also absolut annehmend und wertschätzend in die Augen blicken kannst, dann ist es an der Zeit, die eigentliche Übung durchzuführen…

Die eigene Trauerrede

Stell Dir vor, es sei der Tag nach Deinem Tod und ein Trauerredner soll etwas über Dich erfahren! Dazu führt er ein Gespräch mit einem engen Freund oder einem geliebten Familienmitglied. Vervollständige die folgenden Sätze und gehe dabei davon aus, dass Du bis zu Deinem Tod wirklich das Leben geführt hast, welches Du Dir erträumst!

1. Als die Hauptaufgabe seines/ihres Lebens verstand er/sie…

2. Seine/Ihre hervorragendste Eigenschaft war…

3. Er/Sie bemühte sich stets…

4. Mit anderen Menschen verband ihn/sie besonders…

5. Wenn sich ihm/ihr Hindernisse in den Weg stellten, dann…

6. Was er/sie unbedingt erreichen wollte, aber nie schaffte war…

7. Er/Sie bleibt uns vor allem in Erinnerung, weil…

Stephan Landsiedel schlägt in „Way Up“ sogar vor, dass man diese Aufgabe zusätzlich auch von einem eingeweihten Freund oder Angehörigen ausführen lassen könnte, um die Eigenwahrnehmung mit der Fremdwahrnehmung zu vergleichen. Natürlich sollte man dies gut abwägen und davon abhängig machen, wie die jeweilige Person dem Thema gegenüber stehen. Sicher wäre es für die Beziehung belastend, wenn man den Lebenspartner die Grabrede für einen schreiben lässt, obwohl er/sie noch einer Stufe anhaftet, auf der man die menschliche Sterblichkeit ausblendet oder gar negiert.

Die Inschrift meines Grabsteins

Als nächstes kann man die Inschrift des eigenen Grabsteines gestalten. Dabei sollte allerdings beachtet werden, dass auf einem Grabstein nur begrenzt Platz zur Verfügung steht und dass das Einmeißeln sehr aufwendig ist. Deshalb sollte jedes Wort sorgfältig gewählt werden und insgesamt sollten nicht mehr als drei Sätze zusammen kommen.

Was könnte auf Deinem Grabstein stehen, nachdem Du ein perfektes Leben ganz nach Deiner Fasson geführt hast? Welche Botschaft würdest Du gerne Besuchern Deines Grabes als Inschrift mitgeben?

Grabsteine in Österreich

Persönlich fand ich es sehr interessant, dass in Österreich auf den Grabsteinen sehr oft eine Berufsbezeichnung steht oder ein zwei Worte, die beschreiben, was der Verstorbene im Leben so gemacht hat. Mir drängte sich förmlich die Frage auf, was eines Tages bei mir wohl da stehen könnte…

Grabstein

Was könnte wohl bei Dir dort stehen? Und was SOLLTE da stehen? Wie ließe sich Dein Purpose (Deine Lebensmission, der Sinn Deines Lebens) wohl in ein oder zwei Worten zusammenfassen? Und sollte es mich nicht nachdenklich stimmen, wenn ich nicht direkt und spontan für mich eine Antwort darauf finde? Was sagt das über die Klarheit meiner Ziele aus? Und wenn meine aktuelle Antwort nicht mit dem gewünschten übereinstimmt, was kann ich wie ändern, um am Ende doch dort das stehen zu haben, was mich mit Glück, Stolz und Freude erfüllt?

ACHTUNG: Bitte beachten!

Hier geht es nicht darum, sich selbst darzustellen. Sinn und Zweck dieses Coaching-Formats ist es nicht, dass später einmal alle an meinem Grab sehen können, welch toller Hecht ich gewesen bin. Vielmehr geht es darum, sich selbst zu finden und den eigenen Purpose glasklar und scharf gestochen definieren zu können. Wer dafür mehr als ein paar wenige Worte braucht, ist sich sehr wahrscheinlich nicht wirklich sicher, was er oder sie tatsächlich will.

Natürlich neigen wir zur Zerstreuung und haben viele Interessen. Und selbstverständlich hat jeder Mensch Hobbies und vielfältige Leidenschaften. Doch JFK wahr beispielsweise „Politiker“, Albert Einstein „Physiker“, Mahatma Gandhi war „Menschenrechtsaktivist“ und Muhammad Ali war „Boxer“. Sicher kommen je nachdem beispielsweise „Schmerzpatient“, „Jurist“, „Ikone der NOI“, „Ehemaliger Angestellter des Patentamts“ oder „Studierter Anwalt“ sowie vieles mehr dazu. Doch das, was auf ihrem Grabstein stehen würde, ist das, womit sie alle sofort in Verbindung bringen. Was würde also trotz all der anderen wichtigen Dinge und Inhalte Deines Lebens bei Dir dort stehen?

Noch ein kleiner Auszug aus „Way Up“:

Abschließend möchte ich noch ein wenig aus „Way Up“ zitieren, welches es übrigens bei einer NLP-Practicioner-Ausbildung bei Stephan Landsiedel gratis dazu gibt oder sonst auch gekauft jeden Cent wert ist.

Was immer Sie wollen, Sie können immer so leben, wie Sie vorher auch gelebt haben. Sie sollten sich lediglich für zusätzliche Alternativen öffnen. Damit verschließen Sie nicht gleich die alten Türen. Nur sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass Sie mit Ihrem alten Verhalten bestimmte Resultate erzielten. Wenn Sie das tun, was Sie immer getan haben, dann werden Sie auch dieselben Resultate erzielen, die Sie immer erzielt haben. […]

Denken Sie auch daran, dass Sie nur ein Leben haben. Lösen Sie sich von Ihren Zwängen, den gut gemeinten Ratschlägen Ihrer Eltern, Partner, Verwandten, Freunde, Lehrer und Nachbarn. Diese müssen nicht Ihr Leben leben, sie werden Ihnen nicht immer zur Seite stehen. Irgendwann wird die Stunde kommen, in der Sie selbst für sich die Verantwortung übernehmen müssen und dann spielt es keine Rolle, dass Sie Ihren ungeliebten Beruf nur deshalb haben, weil Ihre Eltern damals wollten, dass Sie ihn erlernen oder die wirtschaftliche Situation für Ihren Traumberuf damals schlecht aussah. Sie müssen in Ihrem Beruf arbeiten und glücklich sein. Es spielt keine Rolle, wofür andere Menschen Sie fähig oder nicht fähig halten. […]

Das Leben ist Fluss und Veränderung. Sie können heute noch nicht wissen, wie weit ein Traum Sie morgen führen wird. Greifen Sie ruhig nach den Sternen und Sie werden ganz automatisch an den Baumwipfeln vorbeikommen, die viele für unerreichbar halten. […]

Es ist Ihr Leben! Sie entscheiden, ob Sie es zu einem Meisterwerk machen.

In diesem Sinne…

…wünsche ich Dir ein wundervolles Leben – genau so, wie Du es Dir wünschst und wie es Dich glücklich macht. Denn genau darum geht es in diesem Leben auf der Meta-Ebene: glücklich zu sein und universelle Liebe zu empfangen und zu verbreiten.

WIE GENAU das geht, ist für jeden Menschen anders und es gibt keine allgemeingültige „Anleitung für ein sinnvolles, glückliches und erfülltes Leben“. Doch auf der anderen Seite sollten wir auch nicht unser gesamtes Leben damit verbringen, herauszufinden wie wir glücklich werden können. Viel wichtiger ist es, sich die Endlichkeit unserer menschlichen Existenz klar vor Augen zu führen und daraus den Entschluss zu fassen, dass wir nicht „später mal“ ein glückliches Leben angehen wollen, sonder JETZT und HIER damit beginnen.

Love and Peace!

Stefan

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