Logik zwischen WiFi und Toaster

Logik zwischen WiFi und Toaster

Es gibt so einige Dinge, die hier auf Sri Lanka gänzlich anders sind als in Deutschland. Dinge, die einer ganz eigenen Logik folgen. Dinge, die ich nicht verstehen muss. Ob ich es überhaupt könnte, das sei einmal dahin gestellt…

So stellen hier Dinge das System vor Probleme, die man so erst einmal nicht erwarten würde. Auf der anderen Seite sind Dinge selbstverständlich, über die wir in Europa nicht einmal nachdenken würden. Das Schlimmste ist, dass es sich nur sehr schwer bis überhaupt nicht vorhersagen lässt, welche Dinge einer umgekehrten Logik folgen, welche analog zu den Mechanismen in Deutschland funktionieren und was hier generell nicht läuft.

Anfänglich verwirrt diese nicht berechenbare Logik und zeitweise bringt sie einen an den Rande eines amtlichen Nervenzusammenbruchs. Grade wenn man auf eine gewisse Planungssicherheit angewiesen ist und sich in seiner westlichen Naivität denkt: „Na, das sollte ja eh kein Problem sein!“, steht man schnell mal dumm da und macht dicke Backen. Doch auch wenn es einen nur peripher tangiert und nichts davon abhängt, so verursachen manche Prozessabläufe auf Sri Lanka gar heftiges Kopf-kratzen und fast schon körperlich spürbare Fragezeichen auf meiner Stirn.

Lass mich Dir ein paar Beispiele aufzeigen:

Zwar gibt es hier so etwas wie Lieferando nicht, doch inzwischen kann man sich auch hierzulande Essen nach Hause liefern lassen. Zum Teil machen dies hier auch Ketten wie McDonnalds, die einen solchen Service aufgrund ihrer Gar-Prozesse und dem deutschen Lebensmittelrecht bei uns nicht anbieten können. Du kannst Dir sogar nur einen einzigen Cheeseburger frei Haus liefern lassen und diesen – kein Witz! – mit Kreditkarte bezahlen. Ich würde mich bei einer solchen Aktion zwar nicht besonders weltmännisch fühlen und hoffe, dass jeder der so etwas macht, dem Fahrer dafür wenigstens ein ordentliches Trinkgeld gibt, doch prinzipiell möglich ist das Ganze. Was hingegen nicht möglich ist, ist die Bestellung online via PayPal oder einem ähnlichen Service zu bezahlen. So etwas gibt es hier nämlich nicht.

Kreditkartendaten werden übers Telefon jedem x-beliebigen Mitarbeiter eines Fastfoodrestaurants mitgeteilt und beispielsweise dem Taxi-Dienst „PickMe“ oder „Uber“ eine Generalvollmacht für Belastungen der Karte erteilt, so dass noch nicht einmal mehr eine Unterschrift nötig ist. Doch auf der anderen Seite wird PayPal nicht zugelassen, weil die Regierung und auch das Volk Bedenken hat, was die Sicherheit angeht…

Sri Lanka hat halt nun mal seine eigenen Gesetze und Regeln. Man sollte sich auf diese einlassen und nicht zu sehr dagegen ankämpfen. Dann hat man die Chance hier glücklich zu werden und nicht zu verzweifeln.

Erst gestern wurde mir diese vollkommen andersartige Logik dieser Nation wieder deutlich:

Dunee wollte sich „mal etwas gönnen“ und hat beschlossen, dass es endlich an der Zeit wäre, morgens wenigstens ein bisschen Zeit beim Zubereiten des Frühstücks einzusparen. Zur Erklärung: „Brot“ bedeutet hier „Toast“. Üblicherweise wird das Toastbrot ungetoastet als Sandwich zubereitet, doch auch Sandwichmaker erfreuen sich großer Beliebtheit. Eher ungewohnt für die Einheimischen ist unsere europäische Angewohnheit, Toastbrot mit einem eigens dafür entwickelten Gerät zu rösten und so wird bei Bedarf einfach eine Pfanne ohne Fett genommen und das Brot links und rechts kurz erhitzt, bis es getoastet ist. Funktioniert ebenso, macht aber deutlich mehr Arbeit, als wenn ein Toaster im Haus ist.

Gesagt getan, Duneeshya bestellte sich also einen Toaster. Das war inzwischen bereits zwei Wochen her.

Ich hingegen benötigte etwas ganz anderes:

Da ich online arbeite, bin ich nur insofern ortsunabhängig, wie ich auch zumindest eine minimale Verbindung zum Internet habe. Da ich als dreister Schlingel auf meinen Laptop, welcher – warum auch immer – „dedizierte Hardware“ für Windows 10 enthält, Linux aufgespielt habe, funktioniert mein Surfstick, welchen ich bisher hier an meinem alten Rechner genutzt habe, nicht mehr. Über Tethering mit meinem Handy als WiFi-Hotspot ins Internet zu gehen ist auch nicht schön. Und so habe ich beschlossen, dass es Zeit ist, zuhause WiFi anzuschaffen. Das war vorgestern.

Nachdem Dunees Toaster bereits zwei Wochen auf sich warten ließ, rief sie gesternmorgen den Verkäufer an und machte ihm gehörig die Hölle heiß. Du musst wissen, dass es trotz der melodiösen Natur der singhalesischen Sprache durchaus möglich ist, selbige sehr unhöflich und arrogant klingen zu lassen. Dieses Register hat Duneeshya voll drauf wenn es darum geht, zu verhandeln oder ihren Willen durchzusetzen. Das macht sie zu einem unglaublich harten Verhandlungspartner und außerdem ist es keine Freude sie zu verärgern.

Ich hörte also aus dem Nebenraum wie sie den „Toaster-Guy“ vom feinsten runter machte und er tat mir fast schon leid. Denn auch wenn ich kein Wort von dem verstand, was sie in ihr Telefon raunzte, so klang es frei nach dem Motto „der Ton macht die Musik“ für mich nach irgendetwas in der Richtung von „Wenn mein Toaster nicht noch heute hier ist, werde ich dir angespitzte Bambus-Stücke unter die Fingernägel treiben. Ich werde ohnehin jedem sagen, was für ein schlechter Verkäufer Du bist. Du kannst nur noch wählen, ob Du Dich deswegen schämen musst und mit Dreck beworfen wirst oder ob ich Dich bis dahin sowieso bereits zu Tode gefoltert habe.“

Anmerkung hierzu: Du musst bedenken, dass hier bis 2009 ein schrecklicher Bürgerkrieg herrschte, in welchem neben schlimmen Terroranschlägen auch schwere Artillerie und Kindersoldaten zum Einsatz kamen. Deshalb bin ich mir bei Dunee auch nie sicher, ob sie solche Drohungen einfach nur als leere Einschüchterungen nutzt oder ob sie es wirklich ernst meint. Die Kenntnisse und Fähigkeiten hätte sie auf jeden Fall…

Auf jeden Fall sagte ihr der Verkäufer schließlich kleinlaut und verstört zu, sofort einen Tuk-Tuk-Fahrer los zu schicken um irgendwo einen Toaster aufzutreiben und ihn ihr umgehend vorbei zu bringen. Und tatsächlich, am Abend kam Dunee freudestrahlend mit einem Toaster in der Hand ins Zimmer. Das Gerät war ganz offensichtlich nicht Fabrikneu – ich nehme an der verängstigte Verkäufer hat entweder sein eigenes Gerät geschickt oder irgendjemandem für ein Vielfaches des Kaufpreises dieses Exemplar abgekauft, einfach nur um schnell einen Toaster zu besorgen. Immerhin wirkte Duneeshya glücklich und das war wohl für alle gut 😉 …

Der eigentliche Knaller kommt aber noch:

Hatte es über zwei Wochen gedauert einen Toaster aufzutreiben, so verhielt es sich mit dem WiFi-Router plus der Einrichtung und Freischaltung völlig anders. Am Mittwochnachmittag hatte ich entschieden, dass nun WiFi her müsse. Am Donnerstagvormittag war der Techniker von „Dialog“ da um uns alles einzurichten. Bereits vor dem Mittagessen konnten wir mit Highspeed (zumindest das, was hierzulande darunter verstanden wird) ins Netz. Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob dies die regulären Reaktionszeiten der lokalen Telekomunikationsfirmen ist, oder ob Dunee auch hier ihre Kenntnisse der chinesischen Gehirnwäsche angewendet und mit Folter gedroht hat. Auf jeden Fall ging die Einrichtung eines privaten Netzwerkes erstaunlich schnell.

Einen Toaster zu bekommen dauert über zwei Wochen, ein eigenes WiFi keine 24 Stunden! Verkehrte Welt…

Immerhin sind wir nun beide glücklich. Ich sitze am Frühstückstisch und tippe diese Zeilen über WiFi auf meinem Smartphone. Währenddessen bilden sich auf meinem Teller langsam Türme aus Toastbrot in den verschiedensten Bräunungsstufen. Dunee probiert sämtliche Stufen ihres neuen Toasters aus und hüpft, ausgestattet mit der Begeisterungsfähigkeit eines Kindes, davor auf und nieder während sie juchzt: „Hihihi… Look honey! White or brown… No matter! Slices flying through the air! Hahaha!“.

Ach, wie sehr ich sie in solchen Momenten liebe! Was für eine Wahl habe ich auch schon ? Die angespitzten Bamus-Stückchen liegen schließlich noch immer auf ihrem Schminktisch… 😀

Toast-Orgie

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