Gewürze für 1000 Euro

Gewürze für 1000 Euro

Heute durfte ich, wahrscheinlich einfach nur um mit den Füßen in der Wirklichkeit zu bleiben, endlich auch das erste Arschloch in Dubai kennen lernen. Und dieses hatte sich echt gewaschen. Bzw. ganz im Gegenteil, denn dieser Betrugsversuch stank kilometerweit gegen den Wind.

Zunächst muss trotz Allem festgehalten werden, dass die vereinten arabischen Emirate trotz solcher Exemplare, welche perfekt als Gegenbeweis dienen, der sicherste Ort der Welt ist. Ich habe schon häufiger Portemonnaie, Handy und andere Wertgegenstände im Restaurant einfach unbeaufsichtigt auf dem Tisch liegen lassen und mir bis heute noch nie ernsthaft Sorgen darum gemacht.

Warum auch? In einem Land in dem die Staatsbürger pro Kopf durchschnittlich 12.000.000 US-Dollar (Ja! Kein Tippfehler…) besitzen und Gastarbeiter schon für kleine Vergehen zumindest ausgewiesen, wenn nicht sogar vorher noch ausgepeitscht werden, da hat es keiner Nötig, Dir Dein Eigentum zu stehlen, bzw. Risiko und Chance stehen in keinem so ausgewogenen Verhältnis, als dass es jemand riskieren würde. Fatal wirkt sich diese Attitüde natürlich dann aus, wenn man irgendwann mal weiter ziehen muss und in Berlin, Negombo oder Offenbach sein Eigentum unbeaufsichtigt lässt…

 

Doch zurück zum eigentlichen Punkt…

Es geht darum, dass ich bis heute behauptet hätte, dass man sich in Dubai überhaupt gar nicht erst so naiv und leichtgläubig zeigen kann, damit man hier bestohlen oder betrogen wird. Aber, genau: Bis heute… Doch eins nach dem Anderen!

Ich war auf der Suche nach wirklich scharfen Chili-Sorten und war zunächst in der Nähe des Old-Souk um die dort recht stark vertretenen persischen Händler zu besuchen. Dabei habe ich wirklich tolle Läden und astrein integre Geschäftsleute kennengelernt, welche mir auch dann mit Rat und Tat zur Seite standen, wenn sie persönlich mein Bedürfnis nicht zu klingender Münze machen konnten und auch nicht so recht verstanden, was ich da überhaupt zu erwerben beabsichtigte. Leider waren selbst die Sorten, die mir durch dieses Netzwerk der Händler angeboten wurden, nicht sonderlich scharf – zumindest nicht schärfer, als alles, was ich auch auf Sri Lanka bekommen kann. So kaufte ich aus Höflichkeit und um meinen Dank für die Hilfe zum Ausdruck zu bringen, zwar einige „Muster“ und „Proben“, wusste aber genau, dass ich noch etwas deutlich stärkeres finden musste.

Die Perser konnten mir also leider nicht weiterhelfen und hatten auch keinen direkten Kontakt auf die andere Uferseite des Creek zum Spice-Souk, dem Gewürz-Markt. Doch nachdem auf meiner Landkarte der Welt alle Menschen in Dubai zwar geschickte aber faire Geschäftsmänner mit Anstand und Moral waren, entschied ich mich, mein Glück auf dem entsprechenden Fachmarkt auf eigene Faust zu versuchen. Ich war mir bereits an dieser Stelle darüber bewusst, dass auf einem solchen Markt, der vor allem von Touristen besucht wird um einmal im Leben einen echten orientalischen Bazar zu erleben, die Preise horrend sein werden. Dies war der Grund, weshalb ich anfänglich mein Glück an anderer Stelle versucht habe.

 

Doch ich hatte ja keine Ahnung, was da noch kommen sollte…

Bei meiner Ankunft auf dem überdachten Markt stürmte sofort eine ganze Schar von Händler auf mich zu und versicherte mir die besten Preise, die beste Ware, und selbstverständlich den seriösesten Geschäftspartner von ganz Dubai. Dank einiger Jahre Übung mit diesen Jungs blieb ich skeptisch und zurückhaltend. Ich erklärte wonach ich auf der Suche sei und nachdem diese Information an den Händlern ebenso spurlos abperlten wie bei mir ihre stereotypen Kober-Sprüche, ging ich – selbstverständlich von einer Traube lärmender und um meine Gunst buhlender Händler eskortiert – von Stand zu Stand und von Laden zu Laden, um mir die Auslage genauer anzuschauen. Schließlich wurde ich auf einen Laden aufmerksam, der ein vergleichsweise reichhaltiges Sortiment an Chilischoten zur Schau stellte. So trat ich also in den Laden und erklärte einer Gruppe Männer mein Anliegen, die grade auf einem Teppich saßen und zwei Älteren beim Backgammon zuschauten.

Ein jüngerer Mann nahm sich schließlich meiner an und stellte mir die angebotene Ware vor. Zwar fehlte auch hier das wirkliche Kleinod – ich dachte an Sorten wie „Carolina Reaper“ oder „Trinidad Scorpion“ – doch es gab Waren im Sortiment, die ich noch nicht kannte und alleine deshalb schon erstehen musste. Am Ende waren es zwei oder drei Sorten getrocknete Schoten, drei Gewürzmischungen und auch noch zwei sehr scharfe Pfeffersorten. Alles in Allem maximal 300 Gramm und nichts wirklich wertvolles, wie beispielsweise Safran. Alles Standard und davon nicht einmal viel.

 

Feilschen wie ein Profi

Selbstverständlich gehört es sich auf solchen Märkten zu handeln und zu feilschen und auch wenn wir Deutschen in dieser Disziplin eher Sonderschüler sind, so bin ich persönlich nicht unbedingt schlecht darin und kenne vor allem gewisse Anstandsregeln, die den Unterschied zwischen einem guten Geschäft und blanker, respektloser Abzocke machen. Mein „junger Freund“ kannte diese Anstandsregeln und die so genannte Kaufmannsehre jedoch offensichtlich nicht, zumindest hatte er ganz sicher nicht vor, sich daran zu halten.

Wie es auf Bazaren und Märkten der Brauch ist, tippte er sein Startangebot in einen Taschenrechner ein und besserte sofort selber ein wenig nach unten nach – selbstverständlich nicht, ohne mir dabei mehrfach zu versichern, dass dies der „Special-Preis für einen so guten Freund wie mich“ sei. Auch das gehört zumindest im Orient soweit auch noch alles zum guten Feilsch-Ton. Und ja, der Preis war nach einem kurzen überschlagen und Umrechnen nicht grade günstig aber zumindest vertretbar. Knapp 20 Euro verlangte er als Einstiegsgebot, so hatte ich zumindest rasch überschlagen. Wir würden uns also irgendwo zwischen 10 und 12 Euro treffen und damit konnte ich in diesem Moment leben – hatte ich doch sehr exotische Gewürze gefunden und freute mich auf das Experimentieren damit.

 

Die Wende und Erkenntnis

Der geneigte Leser wird nun schon anhand des Datums gesehen haben, dass ich erst heute Morgen in Dubai angekommen bin, die Nacht im Flieger verbracht und keine einzige Sekunde geschlafen hatte. Ich war seit 31 Stunden wach und sicher geistig auch durch all die Ereignisse der letzten Tage ein wenig neben der Spur. Doch allmählich machte sich bei mir die Erkenntnis breit, dass ich soeben mit Rupien umgerechnet hatte und da wo 500 Rupees in etwa 3 Euro entspricht, sind 500 Dirham ca. 115 Euro. Der gute Mann wollte also für seine 300 Gramm Gewürze schlussendlich rund 1000 Euro haben, was natürlich in keinster Weise irgendwie auch nur zur Diskussion stehen würde – selbst dann nicht, wenn er das Gewicht des Warenkorbes durch gutes Gras aufwiegen würde.

 

Erwischt und trotzdem nicht einsichtig und ehrlich…

Doch das wirklich traurige war, dass ich die gleichen Muster wie auch bei erwischten Betrugsversuchen auf Sri Lanka entdecken musste. Er beharrte auf seinen nicht nur irrwitzigen sondern mir gegenüber ganz offen beleidigenden Preis und versuchte mir zu erklären, dass es sich auch um wirklich gute Gewürze von hoher Qualität handeln würde. Er ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als ich ihm erklärte, dass ich diesen Preis selbst dann noch für zu hoch halten würde, wenn er mir dafür seinen gesamten Warenbestand anbieten würde. Ich versicherte ihm, dass ich für diesen Preis auf Sri Lanka nicht nur die identischen Waren erhalten würde, sondern auch noch das Tuk-Tuk, welches mir die Ware liefern würde, inklusive des Fahrers und seiner gesamten Familie. Ich machte ihm recht deutlich, dass ich rechnen könne, nicht dumm bin und mich durch seinen dreisten Versuch beleidigt fühle. Ich hätte kein weiteres Interesse an einem Handel mit ihm, selbst wenn er mir alles für 30 Dirham anbieten würde. 3000 Dirham seien hingegen ein ganz offensichtlicher Betrugsversuch und ich würde mich als jemand, der den Emiraten näher stünde als der durchschnittliche Tourist, für ihn schämen, da ich davon ausgehen könne, dass er mit dieser Masche so manch eine Kreditkarte pro Tag von Touristen belaste, die nichts böses ahnen – dies in diesem großartigen Land auch nicht machen sollten – und dann mit der nächsten Kartenabrechnung aus allen Wolken fallen.

All dies machte ich ihm recht deutlich klar. Ich zeigte ihm sogar die „Proben“ und „Muster“ der Perser vom anderen Flussufer, die im Großen und ganzen vergleichbar waren, zusammen aber weniger als 10 Dirham gekostet hatten. Doch als wäre das alles nicht Grund genug, spätestens jetzt einzulenken und zu sagen „Nun gut, einen Versuch war es wert… Nimm es mir nicht krumm!“, rechtfertigte er den Preis von 1000 Euro für 300 Gramm gemischte Gewürze (wie gesagt, exklusive exotischer Produkte und alles zusammen pauschal auf die Wage gelegt – offensichtlicher geht es nicht!). Er erklärte mir weiterhin, dass es sich entgegen meiner wagen Vermutung nicht um einen Betrugsversuch handele und ich einfach nur keine Ahnung von der Qualität seines Sortiments hätte.

Das muss wohl in der Tat so gewesen sein, denn selbst wenn er einen seiner Backgammon-Freunde just in diesem Moment auf die prächtigste Gewürzplantage geschickt hätte und die Ernte anschließend von nubischen Jungfrauen auf ihren Brustwarzen zerrieben worden und begleitet von einem Segen des Papstes persönlich an mich frei Haus ausgeliefert worden wäre, so hätte ich kein Verständnis für den Preisunterschied von 997 Euro zwischen ihm und den Persern.

 

Auftritt des Babos

Inzwischen hatte sich auch der Chef des Ladens in die Unterhaltung eingeklinkt und da auf den Tüten der Perser sogar der Preis pro Tüte ausgewiesen war, konnte ich auch ihm den wirklichen Wert seiner Ware zumindest annähernd aufzeigen – 10 Dirham, keinen einzigen mehr. Ich gab ihm auch zu verstehen, dass wir nicht auf dem Gold-Souk seien, nur für den Fall, dass er mehrere Geschäfte in unmittelbarer Nähe haben sollte und aktuell örtlich nicht ganz orientiert sei. Nein, auch er bestand darauf, dass ich den Preis nun zu zahlen habe.

Doch genau an dieser Stelle kommen wir zu meiner eingehenden Behauptung zurück, dass die vereinten arabischen Emirate ein sehr sicherer Ort sei, grade für Touristen aus dem Westen. Ich schlug nämlich vor, dass wir einfach die Polizei hinzu ziehen würden und diese über den angemessenen Preis entscheiden lassen könnten. Dass dies evtl. nachteilige Konsequenzen für seine Ladenlizenz und auch auf seinen Aufenthaltsstatus haben könnte, schien seine Meinung wohl zu ändern. Denn schließlich meinte er, es sei in Ordnung, handele sich doch nur um ein großes Missverständnis und er sei damit einverstanden, dass ich ohne zu zahlen den Laden verlasse, wenn ich dafür aufhören würde, das Wort „Fraud“ (Betrug) in seinem Laden zu benutzen. Schließlich könnte ich so ja andere Opfer… ähm, Pardon: Kunden verschrecken…

 

Fazit

Kurzum: Ich habe natürlich nicht bezahlt und seine Gewürze haben mich zwar interessiert, doch bevor ich mich so dreist übers Ohr hauen lasse, möge er die scharfen Gewürze dort deponieren, wo sie das zweite mal brennen!

Anderen Ausländern in Dubai kann ich nur eindringlichst den Rat geben, sich auf keinen Fall unter Druck setzen zu lassen, sich selbstbewusst zu wehren wenn es jemand auf solch unverschämte und offensichtliche Weise versucht und sich ggf. über die Telefonnummer 999 Hilfe von der Polizei zu holen. Diese kennen „ihre Pappenheimer“ und sind daran interessiert, Touristen auch weiterhin einen solch unbeschwerten und sicheren Aufenthalt zu bieten, wie es in den vergangenen Jahren der Fall war. Natürlich gibt es in jedem Land dieser Welt auch Korruption, doch insgesamt halte ich die Exekutive in Dubai für hart aber fair und zumindest für den westlichen Touristen eher als einen Partner als für einen Verbündeten der Betrüger.

Auf wirklich KEINEN FALL (!) sollte man in einem ähnlichen Fall sein Plastik belasten lassen! Denn ich bin unsicher, ob bei erteilter Genehmigung noch eine Rückbuchung ohne Probleme möglich ist. Ich möchte nicht dazu aufrufen, wegen einem schwarzen Schaf (und mehr solch dreiste Abzocker dieser Art habe ich in den letzten Jahren echt nicht erlebt) den Besuch der traditionellen Märkte abzusagen oder sich gar Dubai insgesamt entgehen zu lassen.

 

Und doch liebe ich Dubai!

Für mich persönlich ist Dubai nach wie vor im Sinne der Walt-Disney-Strategie auch weiterhin der perfekte „Planungsraum des Träumers“ (zugegebener Maßen leicht überdimensioniert…), denn hier ist NICHTS unmöglich und kein Traum zu unrealistisch. Selbst 1000 Euro für 300 Gramm Gewürzmischung scheinen hier keine Phantasterei zu sein…

In diesem Sinne: Lasst Euch nicht verarschen! Vor allem nicht beim Preis! Und rechnet immer nach! Als Faustformel kann man sich merken: Der Preis in Dirham geteilt durch vier ist ungefähr der Preis in Euro.

Und damit schließe ich meinen ersten Tag im neuen Leben und sende ganz liebe Grüße in die alte Heimat aus Dubai.

Love and Peace,

Stefan

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